Digital-Bank Wirecard löst Deutsche Bank ab.

Bis vor kurzem war die Frage nach der wertvollsten börsennotierten Bank in Deutschland leicht beantwortet – die Deutsche Bank war viele Jahre der Platzhirsch unter den deutschen und europäischen Banken, und zählte unter dem Maßstab der Bilanzsumme einige Jahre sogar zur Weltspitze.

Doch Mitte August überholte nun die Digital-Bank Wirecard mit einem Börsenwert von rd. 22 Milliarden Euro die Deutsche Bank mit einem Wert von rd. 21 Milliarden Euro, zudem klopft Wirecard bereits beim DAX an und könnte dort die Commerzbank im Index ablösen.

Wie kam es dazu, daß ein relativ unbekannter Newcomer die etablierten Banken in relativ kurzer Zeit überholen konnte. Die Wurzeln gehen bis ins Jahr 1999 zurück, als die ebs Electronic Billing Systems AG als Teil der ebs Holding am Stadtrand von München gegründet wurde und der Wire Card Technologies AG. Zu der Holding gehörte auch das Neue Markt Unternehmen Infogenie, welches insbesondere im Bereich Callcenter, die damals stark boomten, aktiv war. Die Holding bündelte immer mehr Tochtergesellschaften unter ihrem Dach und brachte diese 2005 in die Infogenie ein und somit über ein sogenannte Reverse-IPO an die Börse. Fortan handelte das Unternehmen unter dem Namen Wirecard. Wirecard tüftelt eher im Verborgenen an neuen Technologien, um das Bezahlen für alle bequemer zu machen. Kein sexy Gewerbe, aber eines mit Zukunft. Denn bezahlt werden muss schließlich immer und immer öfter auch im Internet und mobil per Handy. Angefangen hat Wirecard als Zahlungsabwickler, und zwar in einer Zeit, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte und Online-Shopping nur ein Fremdwort war und sich die meisten Menschen noch gar nicht vorstellen konnten, dass Einkaufen und Bezahlen im Internet gang und gäbe sein würde. Die ersten Umsätze wurden mit eher zweifelhaften Glückspielunternehmen und Schmuddelwebseitenanbietern generiert. Inzwischen sind die Transaktionen stark gestiegen und die zweifelhaften Anbieter spielen nahezu keine Rolle mehr. Neben der Zahlungsabwicklung für Händler übernimmt Wirecard auch das Risikomanagement, gibt eigene Kreditkarten oder welche von Kooperationspartnern heraus. Bei Privatkunden besonders beliebt sind die schufafreien Konten und Kreditkarten. Riesiges Potential bietet das Mobile Payment, die Bezahlung per Handy, über die App Boon ist Wirecard einer der ersten Partner von Apple Pay welches in Kürze in Deutschland startet, Google Pay kann über die App Boon bereits genutzt werden, oder z.B. über die Comdirect Bank. In China sitzt Wirecard beim größten Onlinehändler Alibaba mit im Boot und profitiert von AliPay. Die AliPay App kann auch von deutschen Unternehmern in Deutschland genutzt werden, um z.B. chinesischen Touristen die beliebte Bezahlung mit der QR-Code App zu ermöglichen, der Modehändler Breuninger nutzt als einer der ersten diese Möglichkeit, ebenso Rossmann. Auch die zweite große chinesische Payment App des Internetdienstleisters Tencent, WeChat Pay, hat über Wirecard den Weg nach Europa gefunden. Dank der Kooperation von Wirecard mit Travel Easy und Premier Tax Free können Wirecard-Nutzer ihren ausländischen Kunden aus Drittstaaten wie China oder Russland automatisch im Ladengeschäft die Mehrwertsteuer ohne großen Aufwand erstatten. Das dürfte auch den einen oder anderen Boutique- oder Hotel-Besitzer von Wirecard überzeugen. Auch für andere große Namen übernimmt Wirecard im Hintergrund die Abwicklung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs, unter anderem für Ikea, Aldi oder KLM, mit dem Kreditkartenunternehmen Visa hat man eine strategische Partnerschaft beschlossen.

Bargeldloses Zahlen boomt weltweit, auch wenn man in Deutschland noch stark am Bargeld hängt, in vielen Ländern ist es bereits die bevorzugte Zahlungsform. Zudem gehören grenzüberschreitende Zahlungen in einer immer mobileren Welt, Echtzeit-Zahlungen, und das Internet der Dinge zu den globalen Trends und Treibern. 2017 hat Wirecard Transaktionen von 91 Mrd. Euro abgewickelt, 2020 sollen es bereits mehr als 200 Mrd. Euro sein. Der Umsatz soll auf rund 2,8 Mrd. Euro anwachsen und dabei einen Gewinn von rd. 900 Mio. Euro abwerfen. Der Aktienkurs galoppiert von Rekord zu Rekord und hat sich in den letzten fünf Jahren mehr als Versechsfacht.

Sollte die Dynamik beibehalten werden, dürften die Kurse weiter durch die Decke gehen und man die Aktie demnächst im DAX wiedersehen. Vorstand Karsten Braun ist nahezu seit Anfang an dabei und mit rd. 7% Anteil der größte Einzelaktionär. Trotz der guten Geschäfte ist Wirecard noch etwas knausrig bei der Dividende.

Die Deutschlandrente ist via Indexfonds in Wirecard investiert, der Autor hält unmittelbar Aktien des Unternehmens. Die Kurzinformation ist jedoch nicht als Kauf- oder Verkaufsempfehlung zu verstehen, sondern dient lediglich zur allgemeinen Information.